Gefühle begleiten Kinder Erziehung bedürfnisorientiert
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Wenn Gefühle größer sind als Worte

Starke Gefühle gehören zur Kindheit wie Wachstumsschübe, wackelige Zähne und schmutzige Hosen und gleichzeitig bringen sie Eltern oft an ihre Grenzen. Kinder erleben Emotionen intensiver, unmittelbarer und körperlicher als Erwachsene. Sie haben weder die Worte noch den inneren Plan, um zu sagen: „Das ist mir gerade zu viel.“ Stattdessen zeigen sie was in ihnen vorgeht und zwar laut, verzweifelt oder impulsiv.

Nach dem REM-Schlaf, der Selbstregulation und der Trotzphase geht es nun um etwas Grundlegendes – die Gefühle selbst. Denn starke Gefühle sind kein Problem, das weg oder abgestellt werden muss, sondern der Ausdruck eines Nervensystems, das mitten in der Entwicklung steckt.

Warum starke Gefühle im Kindesalter normal sind

Kinder fühlen intensiv, weil ihr Gehirn noch nicht die Reife besitzt, Emotionen zu sortieren und zu relativieren. Viele Eltern glauben, ihre Kinder müssten gelassen reagieren können oder sich einfach beruhigen. Schließlich geht es doch „nur“ um den roten Becher, das Zähneputzen oder die Naht an den Socken. (Bei neurodivergenten Kindern noch mal ein ganz anderes Thema, dazu mehr in einem späteren Artikel.) Doch emotionaler Gleichmut ist eine Fähigkeit, die sich langsam entwickelt über viele Jahre hinweg. 

Das limbische System, das für Gefühle zuständig ist, ist bei Kleinkindern schon sehr aktiv, während die Bereiche, die für Impulskontrolle zuständig sind, erst viel später nachreifen. Wenn man das versteht, wird klar: Kinder übertreiben nicht. Sie fühlen echt.

In meiner Beratung erlebe ich oft, wie entlastend dieser Gedanke für Eltern ist. Denn sie selbst haben als Eltern nicht versagt, wenn Kinder starke Gefühle im Supermarkt äußern und sind auch keine schlechten Eltern die keine Grenzen aufzeigen, wenn Kinder in der Öffentlichkeit zu schreien beginnen!

In Wirklichkeit zeigt es nur: Dein Kind darf Gefühle haben und sie zeigen. Das ist toll!

Wie Gefühle im kindlichen Gehirn entstehen

Gefühle entstehen, wenn Kinder auf Reize treffen, die sie innerlich bewegen. Eine Trennungssituation, ein Übergang, Frust, Überforderung oder ein Wunsch, der nicht erfüllt wird, sind Situationen die viele Reize auslösen. Das Gehirn bewertet diese Situation in Millisekunden und entscheidet, wie intensiv die Emotion ausfällt.

Da die Vernunft noch nicht eingreift, entstehen Gefühle oft wie eine Welle, die das Kind mitreißt. Es rutscht in die Wut, Traurigkeit oder Angst hinein und findet allein nicht so leicht wieder hinaus. Nicht, weil es nicht will, sondern weil das Nervensystem noch keine stabilen Wege kennt, die Emotion zu beruhigen.

Je jünger das Kind, desto spontaner und körperlicher fällt diese Reaktion aus. Gefühle werden nicht gedacht, sondern erlebt.

Warum Gefühle nicht weg müssen

Viele von uns sind selbst mit der Botschaft groß geworden, dass man Gefühle kontrollieren, runterschlucken oder sich zusammenreißen soll. Kinder brauchen jedoch genau das Gegenteil. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen zeigen, dass Gefühle sein dürfen, wie man mit ihnen umgeht und dass sie gehalten werden, selbst wenn es im Inneren stürmt.

Wenn Gefühle weggedrückt werden, kommen sie stärker zurück. Manchmal werden sie sogar ganz abgestellt. Wenn sie begleitet werden, verlieren sie ihre Intensität. Das ist die Basis jeder späteren emotionalen Kompetenz.

Und genau das ist es doch, was wir Eltern für unsere Kinder wollen, oder? Dass sie später stabile und resiliente Erwachsene werden. Das wird umso schwieriger, wenn man keinen gesunden Umgang mit den eigenen Gefühlen hat.

Wut, Frust und Traurigkeit – die häufigsten starken Gefühle

Starke Gefühle zeigen sich bei Kindern oft in drei Bereichen: Wut, Frust und Trauer. Diese Emotionen wirken für Erwachsene manchmal wie Trotz oder Widerstand, doch tatsächlich steckt fast immer eine innere Überforderung oder sogar Überlebensstrategie dahinter.

Ein Kind, das wütend wird, erlebt in diesem Moment einen Kontrollverlust. Ein Kind, das frustriert ist, möchte etwas tun, kann es aber noch nicht. Ein Kind, das traurig ist, spürt eine tiefe innere Erschütterung ganz gleich, wie klein die Situation aus Erwachsenensicht wirkt. Gefühle haben für Kinder nicht dieselben Dimensionen wie für uns. Sie sind unmittelbar und allumfassend.

Was Kinder bei starken Gefühlen brauchen

Kinder brauchen keine großen Erklärungen, keine Diskussionen und keine logischen Argumente. Sie brauchen ein Gegenüber, das präsent bleibt. Manche brauchen Nähe, andere Raum, wieder andere eine ruhige Stimme oder einfach Zeit. Es gibt kein Patentrezept aber es gibt eine gemeinsame Basis: Kinder wollen gesehen werden.

Wenn Eltern in emotionalen Momenten innerlich ruhig bleiben, verändert sich alles. Das bedeutet nicht, dass man selbst nie frustriert oder überfordert sein darf. Aber es zeigt Kindern, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein sind und dass ein Erwachsener da ist, der Ordnung in ihr Chaos bringt.

Es hilft Kindern Worte anzubieten, die sie selbst noch nicht haben und Situationen und Emotionen zu benennen. Nicht als Lösung, sondern als Spiegel: „Das war jetzt zu viel für dich“, „Du bist wütend, und ich bin da“, „Das hat dich erschreckt.“ Solche Sätze bauen eine Brücke und geben Kindern Worte für das was gerade in ihnen passiert.

Wie emotionale Begleitung aussieht – ohne Perfektion

Begleitung bedeutet nicht, dass wir alles richtig machen müssen. Es heißt auch nicht, dass wir endlos geduldig sein müssen. Begleitung bedeutet, da zu bleiben auch wenn es laut ist, auch wenn das Kind sich windet, auch wenn man selbst müde ist und all das nicht persönlich zu nehmen. Denn das ist es nicht.

Es hilft, wenn Eltern sich bewusst machen, dass das Verhalten des Kindes keine Bewertung ihrer Erziehung ist, sondern ein Ausdruck von Entwicklung.

Kinder kooperieren am besten, wenn sie emotional sicher sind. Und diese Sicherheit entsteht nicht durch Strenge, sondern durch Beziehung.

Der Weg von starken Gefühlen zu emotionaler Reife

Je mehr Erfahrungen ein Kind mit begleiteten Gefühlen sammelt, desto besser entwickelt sich seine emotionale Kompetenz. Im Laufe der Jahre entsteht im Gehirn ein „inneres Repertoire“, das Kindern ermöglicht, Gefühle klarer wahrzunehmen und ruhigere Wege zu finden, auf sie zu reagieren.

Das, was wir oft als Trotz, Drama oder Sensibilität erleben, ist also ein Teil der emotionalen Reifung. Ein Kind, das weinen darf, lernt Mitgefühl. Ein Kind, das wütend sein darf, lernt Grenzen. Ein Kind, das traurig sein darf, lernt Trost und später Selbsttröstung.

Gefühle werden nicht kleiner, wenn man sie ignoriert. Sie werden kleiner, wenn man ihnen Raum gibt.

Warum emotionale Entwicklung die Grundlage fürs Lernen ist

Gefühle bestimmen, wie gut Kinder lernen können. Ein Kind, das innerlich ruhig ist, kann zuhören, sich konzentrieren und Frust besser aushalten. Ein Kind, das emotional überfordert ist, kann diese Fähigkeiten nicht zeigen selbst wenn es intellektuell dazu in der Lage wäre.

Starke Gefühle blockieren Lernen. Begleitete Gefühle fördern Lernen. Das emotionale Fundament entscheidet darüber, wie Kinder später mit Herausforderungen umgehen, wie sie sich selbst einschätzen und wie viel Selbstwirksamkeit sie entwickeln.

Gefühle sind die Sprache der Kindheit

Starke Gefühle bei Kindern sind kein Zeichen von Unreife, sondern ein Zeichen von Entwicklung. Sie zeigen, dass ein Kind wächst, ausprobiert, fühlt und erlebt. Die Aufgabe von Eltern ist es nicht, diese Gefühle zu stoppen, sondern ihnen Halt zu geben, bis das innere Gleichgewicht wieder da ist.

Wenn wir verstehen, was im kindlichen Nervensystem passiert, können wir mitfühlender reagieren – nicht nur mit unseren Kindern, sondern auch mit uns selbst. Emotionale Begleitung ist keine Technik, sondern eine Haltung. Und sie wächst mit jedem Moment, in dem wir mit einem Kind gemeinsam durch ein Gefühl gehen.

Wenn du Unterstützung dabei brauchst deinen eigenen Weg zu finden die Gefühle deines Kindes zu begleiten, dann melde dich gerne bei mir.

Alles Liebe

Deine Melanie