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Wenn Entwicklung plötzlich laut wird

Die Trotzphase – oft gefürchtet, meist missverstanden und gleichzeitig ist sie einer der sichtbarsten Entwicklungsschritte im Kleinkindalter. Viele Eltern fragen sich in dieser Zeit, ob sie etwas falsch gemacht haben oder ob ihr Kind besonders schwierig ist. Dabei ist die Trotzphase nichts anderes als ein natürlicher Ausdruck von Wachstum.

Sie ist das erste Mal, dass Kinder zeigen: „Ich bin wer. Ich will etwas. Ich kann etwas!“
Doch gleichzeitig fehlt ihnen noch die innere Struktur, um starke Impulse und Gefühle zu steuern. Kinder können sich noch nicht gut selbst regulieren.

Die Trotzphase zeigt sehr deutlich, was passiert, wenn Entwicklung und Überforderung aufeinandertreffen. Das Kind möchte autonom sein, hat aber noch nicht die Regulation, die dafür nötig wäre.

Was die Trotzphase wirklich ist

Der Begriff Trotzphase klingt, als würde ein Kind absichtlich gegen Erwachsene handeln. Doch das ist ein Missverständnis. In meiner Beratung erlebe ich immer wieder, wie entlastet Eltern sind, wenn sie verstehen, dass es in dieser Phase nicht um „Gegen-die-Eltern-sein“ geht sondern um Entwicklung.

Kinder sind in diesem Alter das erste Mal von ihrem eigenen Willen überrascht. Sie merken, dass sie etwas bestimmtes möchten, spüren Wünsche und Ideen, die aber leider oft größer sind als ihre Möglichkeiten. Wenn dann etwas nicht klappt, entsteht ein innerer Konflikt, der sich für Kinder überwältigend anfühlt. Sie verlieren den Halt und genau das sehen wir dann als Wutanfall.

Die Trotzphase ist also kein Fehlverhalten. Sie ist die Geburtsstunde der Autonomie.

Warum die Autonomiephase so wichtig ist

Kinder entdecken in dieser Zeit, dass sie unabhängig(er) sind. Sie können laufen, Dinge ausprobieren, Entscheidungen treffen und möchten das auch. Die Autonomiephase ist die Zeit, in der das „Ich kann das alleine“ sichtbar wird.

Doch während der Wille wächst, hinkt die Selbstregulation noch hinterher. Das kindliche Gehirn kann Impulse und starke Gefühle noch nicht bremsen. Sätze wie „Bleib ruhig“ oder „Hör auf zu schreien“ erreichen das Kind in diesem Moment gar nicht. Man darf sie sich also getrost einfach sparen 😉

Es ist ein bisschen so, als würde man versuchen, ein Auto ohne Bremsen an einer roten Ampel anzuhalten. Der Wille ist da aber die Fähigkeit fehlt noch.

Was im Gehirn eines Kindes passiert

Entwicklung ist nie nur Verhalten, sie ist immer neurowissenschaftlich erklärbar. Ein Kleinkind kann nicht ruhig bleiben, wenn Emotionen überrollen, weil der Teil des Gehirns, der dafür zuständig ist, noch nicht ausgereift ist.

Der präfrontale Cortex, der später für Impulskontrolle, Frustrationstoleranz und vorausschauendes Denken verantwortlich ist, entwickelt sich erst über Jahre. Kleinkinder stehen erst am Anfang dieser Entwicklung. (Ausgereift ist die Impulskontrolle übrigens erst mit über 20 Jahren.) Die Bereiche, die für Gefühle zuständig sind, reagieren hingegen sehr schnell und sehr intensiv.

Die Trotzphase zeigt also genau das Spannungsfeld, in dem sich Kinder bewegen: starke Impulse – wenig Regulation.

Wenn Gefühle zu groß werden, schaltet sich der emotionale Teil des Gehirns ein. Es kann dann nicht mehr verarbeiten, argumentieren und schon gar nicht verstehen was Bezugspersonen gerade erklären wollen. Es erlebt eine echte Überforderungssituation körperlich und emotional.

Viele Eltern erschreckt das, weil Wutanfälle laut, heftig oder unberechenbar wirken. Doch hinter jedem Wutanfall steckt ein Nervensystem, das gerade versucht, mit einer Situation klarzukommen, die zu viel ist.

Vernunft erreicht ein Kind in diesem Moment nicht. Verbindung hingegen schon.

Trotzphase oder „Willen durchsetzen“?

In meiner Arbeit höre ich oft Sätze wie:
„Er macht das extra.“
„Sie will nur ihren Willen durchsetzen.“
„Ich muss strenger sein.“

Doch die Trotzphase ist kein Machtkampf. Ein Kind erlebt hier keine Macht, sondern Kontrollverlust. Es kämpft nicht gegen uns Eltern, sondern mit sich selbst und seinen Gefühlen.

Grenzen sind wichtig, ja. Aber Grenzen ohne emotionale Begleitung erzeugen Stress und Stress macht Regulation noch schwerer.

Was Kindern in der Trotzphase wirklich hilft

Kinder brauchen in dieser Zeit vor allem eines: Regulierte, präsente Erwachsene. Und ich schreibe hier bewusst Erwachsene. Denn Erwachsene können (im besten Fall) Gefühle die nichts mit ihnen selbst zu tun haben aushalten und die Verantwortung übernehmen, das Kind in seinem Erleben zu begleiten. Ein Kleinkind kann sich in starken Gefühlen nicht alleine beruhigen. Es benötigt ein Gegenüber, das Halt gibt, während das innere Chaos sich legt.

Das bedeutet nicht, dass Eltern alles erlauben sollen. Es geht nicht darum, jeden Wunsch zu erfüllen, sondern das Gefühl dahinter zu verstehen, zu co-regulieren und den Prozess auszuhalten. Kinder müssen lernen, dass ihre Gefühle sein dürfen, auch wenn ihr Verhalten Grenzen hat.

Ein einfaches benennen der Gefühle und ein „Ich bin da, ich verstehe dich“ wirkt oft Wunder. Nicht, weil das Verhalten so gestoppt wird, sondern weil es das Nervensystem stabilisiert.

Es geht immer um Verbindung vor Lösung.

Was Eltern selbst unterstützt

Die Trotzphase fordert nicht nur Kinder, sondern auch Eltern. Viele fühlen sich hilflos, ausgeliefert oder sogar persönlich angegriffen. Deshalb ist es wichtig, gut auf sich selbst zu achten. Ein regulierter Erwachsener kann ein dysreguliertes Kind viel besser begleiten.

Manchmal hilft schon ein kurzer Atemzug, ein bewusster Schritt zurück oder ein gedanklicher Satz wie: „Das ist Entwicklung, kein Angriff.“

Eltern dürfen sich Pausen zugestehen, dürfen sich austauschen und dürfen Fehler machen. Niemand begleitet die Trotzphase perfekt. Doch sich selbst mit seinen eigenen Gefühlen, seiner eigenen Wut und Regulation auseinander zu setzen macht auf jeden Fall Sinn.

Warum diese Phase für das spätere Lernen wichtig ist

Viele Eltern merken erst in der Schule, wie eng Selbstregulation, Emotionen und Lernen zusammenhängen. Doch die Grundlagen dafür entstehen genau jetzt, in den heftigsten Momenten der Autonomiephase.

Ein Kind, das begleitet wird, lernt:
Ich darf Gefühle haben. Ich kann mich wieder beruhigen. Ich werde gehalten.

Diese Erfahrung prägt später die Fähigkeit, Frust auszuhalten, Aufgaben zu Ende zu bringen und Herausforderungen nicht gleich aufzugeben.

Die Trotzphase wirkt chaotisch – aber sie ist der Beginn echter Selbstwirksamkeit.

Die Trotzphase ist ein Entwicklungssprung, kein Problem

Die Trotzphase ist laut, ehrlich und manchmal wirklich herausfordernd. Aber sie ist ein kraftvoller Schritt in die Richtung, in die alle Kinder irgendwann gehen sollen: hin zu Autonomie, innerer Stärke und emotionaler Reife.

Nicht jede Wut ist ein Alarmzeichen, sondern oft Ausdruck davon, dass das Kind gerade wächst.

Und genau dabei brauchen Kinder uns – nicht als Schiedsrichter, sondern als sicheren Hafen.

Wenn du bei dem Thema Unterstützung brauchst, melde dich gerne bei mir.

Deine Melanie