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Was Selbstregulation bei Kindern wirklich bedeutet
Die Selbstregulation bei Kindern ist ein zentraler Bestandteil ihrer Entwicklung und dennoch ein Thema, worüber Eltern manchmal wenig Wissen oder Fehlinformationen bekommen. Kinder müssten sich „zusammenreißen“ können, wenn Gefühle hochkommen oder „sich nicht so aufführen“. Tatsächlich steckt hinter diesem Wunsch von Erwachsenen ein Reifungsprozess, der im Gehirn langsam entsteht und vor allem eines braucht: Begleitung!
Kinder verarbeiten im REM-Schlaf Eindrücke, die sie im Wachen sammeln. Je besser dieser Schlaf, umso besser auch der Umgang mit Reizen und Emotionen. Die Fähigkeit zur Selbstregulation ist also nicht etwas, was Kinder abrufen können, sondern eine Kompetenz die sich nach und nach entwickelt und die von mehreren Faktoren wie Schlaf, Erlebnissen, Temperament und Entwicklungsstand, abhängig ist.
Was Selbstregulation bei Kindern bedeutet
Selbstregulation beschreibt, wie ein Kind mit seinen inneren Zuständen umgeht, wie es Gefühle wahrnimmt, Impulse steuert und sich beruhigen kann, wenn etwas zu viel wird. Das Gehirn eines Kindes ist dafür noch nicht vollständig ausgereift, weshalb ihre Reaktionen oft körperlich, laut oder impulsiv wirken. Das ist kein Zeichen von Absicht oder schlechtem Benehmen, sondern Ausdruck von Entwicklung. Und seien wir mal ehrlich, auch Erwachsene haben manchmal so ihre Herausforderungen mit der Selbstregulation.
Wie Selbstregulation entsteht: Ein Prozess in mehreren Schritten
Die Grundlagen für Selbstregulation entstehen schon im Babyalter. Ein Baby kann sich noch nicht selbst beruhigen und braucht dafür die Nähe eines vertrauten Menschen. Durch Körperkontakt, Stimme und Sicherheit lernt es langsam, dass sich innerer Stress wieder legen kann. Das ist der Beginn jeder Regulation.
Im Kleinkindalter wird die Sache deutlicher. Die sogenannte (Trotz-) Autonomiephase zeigt sehr deutlich, dass Gefühle stärker werden, während die Fähigkeit, damit umzugehen, noch hinterherhinkt. Kinder wollen selbstständig sein, haben aber noch nicht die innere Struktur, um ihre Emotionen zu ordnen. Das ist völlig normal und oft sehr anstrengend für Eltern. Doch auch hier ist Co-Regulation gefragt, damit Kinder lernen wie es funktionieren kann.
Im Vorschulalter zeigt sich, dass Kinder zunehmend verstehen, was in ihnen vorgeht. Sie können Gefühle besser benennen und beginnen, erste kleine Strategien auszuprobieren. Diese funktionieren noch nicht immer, aber sie zeigen, dass das Gehirn einen großen Schritt gemacht hat.
Mit dem Schuleintritt wird Selbstregulation noch bedeutender. Jetzt geht es darum, Frustration auszuhalten, sich zu konzentrieren und in schwierigen Momenten dranzubleiben. Auch hier hängt alles eng mit der emotionalen Entwicklung zusammen.
Warum Selbstregulation für den Alltag so wichtig ist
Ein Kind, das sich regulieren kann, fühlt sich innerlich sicherer. Es kann besser zuhören, leichter mit anderen Kindern interagieren und merkt schneller, wann es eine Pause braucht. Kinder, denen das noch schwerfällt, erleben den Alltag oft intensiver und anstrengender. Sie reagieren schneller mit Wut, Tränen oder Rückzug und brauchen dann besonders viel Unterstützung. Nicht, weil sie unangepasst sind, sondern weil ihr Nervensystem gerade wirklich überfordert ist.
Bindung als Basis: Warum Kinder unsere Begleitung brauchen
Viele Eltern fragen sich, wie sie ihrem Kind beibringen können, sich selbst zu beruhigen. Die ehrliche Antwort lautet: Das geht nicht direkt. Kinder lernen Selbstregulation über die Regulation einer Bezugsperson. Ein ruhiges, präsentes und ehrlich interessiertes Gegenüber wirkt stabilisierend auf das kindliche Nervensystem. Es ist dieser emotionale Halt, der langfristig die Fähigkeit wachsen lässt, schwierige Momente selbst auszuhalten.
Sicherheit geben und da zu sein ist also kein verwöhnen, sondern notwendig, damit Vertrauen und Regulation stattfinden kann.
Was steckt hinter: „Das Kind macht das doch mit Absicht“
Sätze wie „Er macht das extra“ oder „Sie muss lernen, sich allein zu beruhigen“ halten sich leider hartnäckig. Doch genau das können kleine Kinder neurologisch noch nicht. Auch die Vorstellung, man müsse starke Gefühle möglichst schnell abdrehen, führt oft in eine völlig falsche Richtung. Gefühle, die begleitet werden, verlieren ihre Wucht. Gefühle, die weggedrückt werden, kommen stärker zurück oder werden gänzlich unterdrückt. Die Annahme, Kinder könnten schon von Anfang an manipulieren und etwas mit Absicht machen, kommt aus der Zeit des 2. Weltkrieges. Dazu in einem anderen Beitrag einmal mehr.
Kinder brauchen von ihren Bezugspersonen in aufgewühlten Moment Verständnis und keine Strenge.
Wie Eltern die Selbstregulation unterstützen können
Der wichtigste Schritt ist die eigene innere Ruhe, zumindest so gut es in dem Moment geht. Kinder orientieren sich an unserer Stimmung, nicht an unseren Worten. Wenn wir ruhig bleiben, fällt es ihnen leichter, wieder in Balance zu kommen. Auch eine klare Sprache, die Gefühle benennt, hilft Kindern sehr. Sätze wie „Das war jetzt zu viel für dich“ oder „Du bist gerade richtig wütend, und ich bin da“ schaffen Verbindung, ohne das Verhalten gutheißen oder verurteilen zu müssen.
Was helfen kann die Selbstregulation zu unterstützen:
- Rituale
- kleine Pausen
- Gefühle benennen
- Übergänge sanft gestalten
- ausreichend Schlaf oder Ruhepausen (nicht nur für das Kind)
- Unterschied zwischen Wunsch und Bedürfnis beachten
- Gefühlsausbrüche aushalten lernen (sie sind kein Maßstab für die Qualität deiner Erziehung)
Als Elternteil ist es oft eine Herausforderung sich selbst bei einem Gefühlsausbruch des Kindes zu regulieren und genau deshalb macht es Sinn, sich auch mit dem Thema bei sich selbst auseinander zu setzen
Selbstregulation für Schule und Lernen
Selbstregulation bedeutet auch Impulskontrolle, Frustrationstoleranz und das Anwenden von Bewältigungsstrategien. Wer sich hier gut regulieren kann, ist widerstandsfähiger gegenüber unerwarteten Ereignissen. Kindern die sich selbst gut regulieren können und emotional gut begleitet sind, tun sich beim Lernen leichter. Ein reguliertes Nervensystem kann sich konzentrieren, Informationen aufnehmen und dranbleiben, auch wenn etwas schwierig wird.
Stress dagegen blockiert Lernprozesse. Ein dysreguliertes Kind kann nicht gut lernen, selbst wenn es sich noch so sehr bemüht. Genau deshalb ist Selbstregulation eine der Grundlagen für Lernfreude, Motivation und Erfolg in der Schule.
Selbstregulation wächst in Beziehung
Die Selbstregulation bei Kindern ist ein langfristiger Entwicklungsprozess, der Geduld, Verständnis und Begleitung braucht. Sie entsteht nicht über Druck oder Strenge, sondern über Beziehung, Wiederholung und innere Sicherheit.
Wenn Eltern wissen, wie das kindliche Nervensystem funktioniert, können sie ihrem Kind genau das geben, was es braucht: Halt, Orientierung und die Möglichkeit, an seinen eigenen Gefühlen zu wachsen.
Wenn du dabei Hilfe brauchst, melde dich gerne bei mir.
Deine Melanie